
„Selbst und ständig.“ Diesen Spruch höre ich seit Jahren immer wieder, meist dann, wenn ich erzähle, dass es gerade schwierig ist oder dass es stressiger wird. Dann heißt es schnell: „Ja, du bist eben selbst und ständig.“
Und ja, natürlich kommt dieser Satz fast immer von Angestellten.
Bei mir löst das zwei Dinge aus.
Zum einen meldet sich mein bockiges inneres Kind: Ja, ich bin selbst und ständig. Aber das ist auch gut so. Ich will selbstständig sein.
Zum anderen nickt eine zweite Stimme: Ja, stimmt schon. Man ist oft selbst und ständig.
Mein Problem ist nicht, dass der Satz komplett falsch wäre. Mein Problem ist, dass er häufig als Abwertung kommt. Als wäre Selbstständigkeit im Kern eine schlechte Idee und „ständig“ der Beweis dafür.
Wenn die Chefs, Firmenleiter oder Geschäftsführer nicht irgendwann selbstständig gewesen wären, bei der Gründung, Übernahme oder in schwierigen Phasen, dann hätten viele Angestellte heute keinen Job. Dann gäbe es den Arbeitsplatz nicht, auf den man sich verlassen kann. Dann gäbe es nicht dieses Gefühl: „Mein Chef wird das schon machen, irgendjemand bezahlt mich ja.“
Das ist nicht böse gemeint. Das ist ein Unterschied im System.
Angestellte arbeiten, leisten, tragen Verantwortung in ihrem Bereich. Aber sie müssen nicht dauerhaft die gesamte Existenz des Konstrukts absichern. Sie müssen nicht ständig die Frage im Hinterkopf haben, ob nächsten Monat genügend Geld reinkommt, ob Aufträge da sind, ob Risiken abfedert werden, ob Entscheidungen sitzen. Genau das ist der Punkt, der im Spruch „selbst und ständig“ oft fehlt.
Selbstständig heißt nicht „für immer ständig“
Ich plädiere dafür, das Wort Selbstständigkeit anders zu lesen. Nicht als „ständig“ im Sinn von „immer“ oder „ununterbrochen“. Sondern als „selbst stehend“.
Ja, es ist anstrengend, immer wieder Entscheidungen zu treffen.
Ja, es ist anstrengend, Verantwortung zu übernehmen.
Ja, ich darf mich darüber auch mal beschweren.
Aber für mich bleibt Selbstständigkeit trotzdem der bessere Weg als angestellt zu sein. Ich wehre mich dagegen, dass Selbstständigkeit automatisch als etwas Negatives gilt. Gerade in Deutschland hat sie oft keinen besonders hohen Stellenwert. Wir leben in einer Zeit, in der die Mehrheit angestellt ist, regelmäßig Lohn und Gehalt bekommt und sich dadurch ein Stück Planbarkeit erkauft. Das ist legitim.
Und zugleich ist wichtig: Selbstständigkeit ist nicht für jeden etwas. Manche entscheiden sich sehr bewusst dafür, weil sie genau diese Freiheit und Verantwortung wollen. Andere werden hineingeboren, weil es einen Familienbetrieb gibt, der übernommen werden soll oder muss. Wieder andere werden ein Stück weit hineingedrängt, weil es in ihrer Region oder Branche kaum stabile Alternativen gibt. Manchmal ist Selbstständigkeit schlicht die Möglichkeit, überhaupt Geld zu verdienen.
Gerade deshalb lohnt sich, wenn man die Wahl hat, ein ehrlicher Blick: Bin ich der Typ dafür? Wie viel Freiraum brauche ich wirklich? Wie viel möchte ich selbst entscheiden? Wie viel Energie kann ich aufbringen, wie viel Einsatz kann ich aushalten? Ich bin kein Berufsberater und kein Psychologe. Ich habe dafür keine Formel. Aber diese Fragen sollte man sich stellen, bevor man losläuft oder bevor man jemanden vorschnell bewertet, der diesen Weg gegangen ist.
Vor der Industrialisierung war ein großer Teil der Menschen in irgendeiner Form selbstständig. Man musste sich täglich um das eigene Auskommen kümmern. Essen auf den Tisch bringen, Zahlungen leisten, Vorräte sichern. Das war Alltag. Heute ist die Normalität eine andere: festes Einkommen, geregelte Arbeitszeit, eine Organisation, die vieles trägt.
Damit verschiebt sich auch die Wahrnehmung. Wer selbstständig ist, fällt aus diesem Raster. Und das macht ihn für manche schnell zum Sonderfall, der sich „freiwillig Stress“ aussucht.
Es gibt Gründe, warum dieses Klischee sich hält. Viele davon sind real. Nur sind sie keine Naturgesetze, sondern oft Folgen bestimmter Muster.
1) Viele haben nie gelernt, ein System zu bauen.
Gerade bei Selbstständigen und Handwerkern sieht man häufig: Der Laden läuft nur, wenn der Chef da ist. Urlaub wird schwierig. Rückzug ist kaum möglich. Nicht, weil es grundsätzlich nicht anders geht, sondern weil Struktur und Aufbau fehlen oder nie wirklich Priorität hatten.
2) Der Chef-Mythos wirkt nach.
In Deutschland gibt es stark verankerte Vorstellungen: Chef muss immer da sein. Chef muss immer arbeiten. Chef muss Vorbild sein. Wer nicht sichtbar ackert, gilt schnell als faul. Das ist eine alte Idee und oft eine falsche.
Ein Chef muss nicht permanent arbeiten. Er sollte klug arbeiten. Er sollte dafür sorgen, dass der Laden läuft, dass Aufträge kommen, dass Geld reinkommt und dass die Menschen im Betrieb ihre Arbeit gut machen können. Präsenz ist nicht automatisch Leistung.
3) Viele kalkulieren zu billig.
Ein harter, aber zentraler Punkt: Viele Selbstständige arbeiten für zu geringe Preise. Dann müssen sie mehr arbeiten, um überhaupt über die Runden zu kommen. Daraus wird „ständig“. Nicht, weil Selbstständigkeit so sein muss, sondern weil das Modell wirtschaftlich nicht trägt.
Hinter zu niedrigen Preisen steckt oft ein Rechtfertigungsreflex: Man glaubt, erklären zu müssen, warum die eigene Arbeit „so teuer“ ist. Dabei ist Selbstständigkeit ein anderes Modell als Angestelltsein. Man kann Einnahmen nicht einfach mit dem Nettolohn eines Angestellten vergleichen.
Denn Selbstständige zahlen davon nicht nur ihren Lebensunterhalt. Sie tragen auch Kosten, Ausfallrisiken, Akquisezeiten, Investitionen, Steuern, Versicherungen, Zeiten ohne Auftrag. Wer das nicht sauber einpreist, bezahlt am Ende mit Lebenszeit.
Für mich ist die Konsequenz klar: Selbstständigkeit muss nicht bedeuten, ständig zu arbeiten. Sie bedeutet vor allem, selbst zu stehen.
Das heißt: Grenzen setzen. Struktur bauen. Preise verlangen, die das Modell tragen. Nicht härter arbeiten, sondern weiser. Nicht dauernd präsent sein, sondern bewusst.
Und noch etwas: Ich würde mir wünschen, dass in Deutschland etwas mehr Anerkennung entsteht für Menschen, die etwas selbst in die Hand nehmen. Für Menschen, die Ideen ausprobieren, Verantwortung tragen und auch das Risiko eingehen zu scheitern. Nicht als Heldenverehrung, sondern als Haltung: weniger Verurteilung, mehr Achtung.
Jeder darf sein Modell wählen, angestellt oder selbstständig. Wer sich entscheiden kann, sollte sich ehrlich fragen, ob er dieser Typ ist und was er dafür bereit ist zu geben.
Wenn es „ständig“ wird, ist das kein Beweis gegen Selbstständigkeit. Es ist ein Signal: Struktur, Preis oder Zielstellung dürfen geprüft und verändert werden.
P.S.: Und ja. Das hier Geschriebene gilt auch für selbstständige Recherchedienstleister, Historiker und Berufsgenealogen.
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