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Familienaufstellung und Ahnenforschung beschäftigen sich im Grunde mit derselben Ausgangsfrage: wer gehörte zur Familie, was wurde möglicherweise verschwiegen, wer ist aus Familienerzählungen irgendwann verschwunden. Beide Bereiche nähern sich der Frage, allerdings von entgegengesetzten Seiten. Die eine über das, was Menschen im Moment einer Aufstellung spüren. Die andere über das, was sich Jahrzehnte oder Jahrhunderte später noch in alten Aufzeichnungen und historischen Dokumenten in einem Archiv belegen lässt. Wo eine Aufstellung eine konkrete Frage zu einem realen Vorfahren aufwirft, kann eine quellenbasierte Recherche darauf eine Antwort liefern. Kann die Annahme bestätigen oder widerlegen.
Als Historiker und Berufsgenealoge arbeite ich in genealogischen Forschungen meist mit Kirchenbüchern, Standesamtsunterlagen und ergänzenden Quellen in den Archiven. Aufstellungsarbeit selbst führe ich nicht durch. Ich kann und will diese auch fachlich nicht bewerten. Das ist Sache ausgebildeter Therapeutinnen und Berater. Mich interessiert aber an der Schnittstelle vor allem eine Frage: Was von dem, was in einer Aufstellung an Familiengeschichte auftaucht, lässt sich tatsächlich dokumentieren?
Die heute bekannteste Form der Familienaufstellung geht auf Bert Hellinger zurück, der die Methode ab den späten 1970er Jahren aus Elementen der systemischen Familientherapie entwickelte und selbst ausdrücklich nicht als Therapie, sondern als „Lebenshilfemethode" bezeichnete.[1] Das Prinzip: Stellvertreter (oft Personen, die die eigentliche Familie gar nicht kennen) werden räumlich zueinander aufgestellt. Über deren Position und Gefühlsregungen im Raum sollen sich verborgene Beziehungsmuster oder ungelöste Verstrickungen im Familiensystem zeigen: ein früh verstorbenes Kind, ein unehelich geborener Sohn, jemand, der ausgewandert oder aus der Familie ausgeschlossen wurde.
Die Methode ist seit Jahren fachlich umstritten. [1] Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie äußerte sich 2003 in einer Stellungnahme kritisch: Sie bezeichnete vor allem publikumswirksame Großgruppen-Aufstellungen ohne ausreichenden therapeutischen Rahmen teilweise als „ethisch nicht vertretbar" und „gefährlich für die Betroffenen", erkannte gleichzeitig aber an, dass die Methode innerhalb einer fundierten systemischen Therapie hilfreich sein kann.[2] Diese Aussage weckte bei mir das weitere Interesse am Thema und der therapeutischen Anwendung.
Weniger bekannt, aber für die Verbindung zur Ahnenforschung relevanter, erscheint die Arbeit der amerikanischen Familientherapeutin Virginia Satir. Sie gehörte 1959 zum Gründungsteam des Mental Research Institute in Palo Alto und entwickelte dort die gruppentherapeutische Methode der Familienskulptur, die sie später zur „Familienrekonstruktion" erweiterte, einer mehrgenerationalen Betrachtung der eigenen Herkunftsfamilie.[3] Dabei ging es tatsächlich um die reale Familiengeschichte über mehrere Generationen: Wer waren die Großeltern, was ist über sie bekannt, welche Ereignisse haben die Familie geprägt. Hellinger selbst hat seine eigene Methode ausdrücklich als Abwandlung von Satirs Arbeit verstanden.[4] Das ist wohl die deutlichste Brücke zwischen Aufstellungsarbeit und dem, was Ahnenforschung leistet, auch wenn sich beide Methoden in Vorgehen und Grundannahmen erheblich unterscheiden.
Die Berührungspunkte liegen in den Leerstellen der Familiengeschichte: früh verstorbene Kinder, uneheliche Geburten, Auswanderung, Suizide, Familienzerwürfnisse, das große Schweigen über eine bestimmte Person. Solche Leerstellen tauchen in der Ahnenforschung immer wieder auf, nur erschließe ich sie nicht über Gefühle im Raum, sondern über Quellen: Kirchenbucheinträge, Standesamtsregister, Gerichtsakten, Familiendokumente und persönliche zeithistorische Aufzeichnungen.
Der Unterschied liegt im Erkenntnisweg. Bei einer Aufstellung zählt, was Teilnehmende im Moment spüren, und das lässt sich nicht überprüfen. Ich dagegen brauche eine Quelle, im besten Fall durch eine öffentliche Institution angelegt. Beides sind legitime Zugänge zur eigenen Familie, nur eben grundverschiedene. Das eine ersetzt das andere nicht, und ich behaupte auch nicht, dass es das sollte. Beides ergänzt sich und liefert ein Bild, die Geschichte der Familie und deren Mitglieder.
Ein Beispiel (anonymisiert): Ein Kunde kam nach einer systemischen Aufstellung mit einer sehr konkreten Frage auf mich zu. In seiner Aufstellung war der Verdacht aufgetaucht, sein Vater könnte ein weiteres, der Familie bislang unbekanntes Kind gehabt haben. Ich habe daraufhin eine umfassende biografische Recherche begonnen und bin dem Verdacht systematisch nachgegangen. Dabei habe ich Archivquellen ebenso ausgewertet wie private Familiendokumente, die mir der Kunde selbst zur Verfügung stellte. Am Ende stand kein Beleg, der die Vermutung stützen konnte, aber auch keiner, der sie zweifelsfrei widerlegt hätte. Doch die biografische Überlieferungen zum Vater waren nahezu lückenlos und ließen kaum Raum für andere Deutungen. Es fanden sich keine Informationen oder Ansätze für weitere Kinder. Am Ende blieb die Frage genau genommen offen. Genau das habe ich meinem Kunden auch so zurückgemeldet, statt eine Geschichte zurechtzubiegen, die die Quellen nicht hergaben.
Für mich persönlich war das eine der ersten und bislang eingehendsten Berührungen mit der Methode der systemischen Aufstellung, auch weil mir mein Kunde ausführlich Einblick in Ablauf und Ergebnis seiner Aufstellung gegeben hat. Ich gebe zu, dass mir das anfangs fremd vorkam. Für jemanden, der beruflich eher mit Quellen als mit Stellvertretern im Raum zu tun hat, war es aber durchaus interessant und lehrreich.
Familiengeschichtsforschung stützt sich auf öffentlich zugängliche Quellen: Kirchenbücher, Personenstandsregister bei den Standesämtern, Gerichtsakten, Melderegister, dazu gedruckte Quellen wie Ortschroniken, Ortsfamilienbücher, historische Adressbücher oder genealogische Fachliteratur. Das ist die Basis, ohne die sich Namen und Daten kaum zweifelsfrei belegen lassen.
Und selbst innerhalb dieser offiziellen Quellen steckt oft mehr, als ein blankes Datum vermuten lässt. Kirchenbucheinträge und Personenstandsunterlagen tragen häufig Randvermerke und spätere Nachträge, dazu kommen die Sammelakten der Standesämter, etwa zu Aufgebotsverhandlungen, Geburtsanzeigen oder Sterbefallanzeigen. Darin finden sich mitunter Angaben zu Krankheiten und Todesursachen, zu Trennungen und Scheidungen, zu unehelichen Geburten, Totgeburten oder der nachträglichen Anerkennung eines Kindes. Das ist keine private Überlieferung, sondern amtliche Aktenlage, nur eben eine, die deutlich über das reine Geburts- oder Sterbedatum hinausgeht.
Über die Randvermerke hinaus ergibt sich aus der systematischen Auswertung dieser Register außerdem ein ganzes Bild der Familie, das über einzelne Ereignisse hinausgeht: die Anzahl der Kinder und deren Altersabstände, das Alter der Eltern bei der Geburt jedes einzelnen Kindes, das Heiratsalter, die Anzahl der Eheschließungen, der ausgeübte Beruf und der soziale Stand, das Sterbealter. Dazu kommt, oft übersehen, das Beziehungsgeflecht der Familie: Wer als Trauzeuge auftrat oder ein Patenamt übernahm, zeigt häufig, mit wem eine Familie tatsächlich eng verbunden war, unabhängig davon, was auf dem Papier an Verwandtschaftsgrad vermerkt ist. Gerade dieser letzte Punkt berührt sich wieder mit dem, was in einer Aufstellung sichtbar werden soll: wer zu wem gehörte, wer eingebunden war und wer nicht.
Vollständig ist eine Recherche aber selbst damit nicht. Das übersieht man leicht, wenn man nur an Archive und amtliche Aufzeichnungen denkt. Was durchschnittlich in keinem Archiv zu finden ist, sind persönliche Briefe, Fotografien, Tagebücher, Haushaltsbücher oder auch eigene Aufzeichnungen zur persönlichen Biografie und Familiengeschichte, die in Familien von Generation zu Generation weitergegeben werden oder eben auch nicht. Ein Kirchenbucheintrag oder eine Sammelakte kann eine Krankheit, eine Scheidung oder eine uneheliche Geburt dokumentieren, aber nicht, warum jemand die Familie verließ oder wie er oder sie in Erinnerung blieb. Das findet sich, wenn überhaupt, in den privaten Unterlagen. Deshalb beziehe ich sie in jede ernsthafte Recherche mit ein. Nicht als nette Zugabe, sondern weil ohne sie oft die Antwort fehlt, um die es geht.
Im oben beschriebenen Fall war das der Punkt: Die Archivrecherche allein hätte vermutlich nicht ausgereicht. Erst die Kombination aus amtlichen Quellen und den privaten Familiendokumenten, die mein Kunde selbst beisteuerte, ergab ein einigermaßen vollständiges Bild. Gemeinsam mit dem Kunden habe ich versucht eine Antwort zu finden. Und am Ende waren wir uns einig, das die Aufzeichnungen und Erinnerungen keine endgültige Antwort zuließen.
Ich kann mir vorstellen, dass für Aufstellungsleiterinnen und -leiter eine anschließende, quellenbasierte Recherche ein sinnvoller nachgelagerter Schritt sein kann: eine Möglichkeit, Klientinnen und Klienten nach einer emotional intensiven Sitzung einen konkreten, ergebnisoffenen Ansatzpunkt zur Weiterarbeit an die Hand zu geben, ohne die eigentliche therapeutische Arbeit zu ersetzen. Für Teilnehmende selbst kann es schlicht die Frage sein, was davon sich belegen lässt und wie es ihnen im Rahmen der systemischen Aufstellung oder beim Ergründen der eigenen Biografie helfen kann.
Mit diesem Beitrag habe ich begonnen, mich mit dem Thema der Familienaufstellung eingehender zu befassen. Ich möchte mich weiter damit beschäftigen und würde mich freuen, wenn ich dazu mit Aufstellerinnen, Aufstellern und Beratenden ins Gespräch kommen kann.
Weder noch. Das würde ich mir auch gar nicht anmaßen. Ahnenforschung liefert konkrete, dokumentierbare Fakten: Geburts-, Sterbe- und Heiratsdaten, Berufe, Wohnorte. Zu Gefühlen oder systemischen Mustern, die in einer Aufstellung im Vordergrund stehen, kann ich als Historiker nichts beitragen.
Ausgangspunkt sind Name, Lebensdaten, ungefährer Zeitraum für Ereignisse und Familienort. Von dort aus lässt sich in Kirchenbüchern, Standesamtsregistern und gegebenenfalls weiteren Archivbeständen nachvollziehen, ob und was zu dieser Person dokumentiert ist.
Eine seriöse Recherche richtet sich nach der Quellenlage, nicht nach der gewünschten Geschichte. Kein Ergebnis ist ebenfalls ein Ergebnis, so unbefriedigend das manchmal ist. Zudem sind nicht alle Informationen belegbar, wenn diese nicht schriftlich gefasst wurden oder im Laufe der Zeit verloren gingen.
Nein, das kann meine Aufgabe sein. Du bringst Name, Zeitraum und Ort mit (die Ausgangsdaten), ich übernehme die Recherche in den zuständigen Archiven.
Nein. Amtliche Register belegen Daten und Fakten, aber selten Zusammenhänge oder Motive. Briefe, Fotografien, Tagebücher oder mündliche Familienüberlieferung ergänzen das Bild oft entscheidend und sollten wo immer möglich an erster Stelle ausgewertet werden.
[1] Bert Hellinger, in: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Bert_Hellinger (abgerufen 2026)
[2] Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF): Pressemitteilung „Gefährliche Methode oder nützliche Therapie – Familienaufstellen nach Hellinger", 24. Februar 2003, https://dgsf.org/presse/pressemitteilungen/archiv-pressemitteilungen-nach-jahren-sortiert/pressemitteilungen-2003/gefaehrliche-methode-oder-nuetzliche-therapie-familienaufstellen-nach-hellinger
[3] Virginia Satir, in: Wikipedia, https://de.wikipedia.org/wiki/Virginia_Satir (abgerufen 2026)
[4] Bert Hellinger und das Familienaufstellen, systemstellen.org, https://www.systemstellen.org/wiki/familienaufstellung/bert-hellinger/ (abgerufen 2026)
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