Fallstudie: Von Sachsen nach Oregon: Ein Neuanfang in Amerika?

 „Geburtsschein am 17. X. 23. Sie (jetzt verw. Schiffel) will nach Amerika zu einem Bruder"

Bei Recherchen in den Kirchenbüchern der sächsischen Gemeinde Höckendorf bei Dippoldiswalde stieß ich auf diese Notiz am Geburtseintrag der Hedwig Selma Berger. Was hatte das zu bedeuten? War Selma tatsächlich nach Amerika ausgewandert oder hatte sie nur eine Besuchsreise geplant?

G HedwigSelmaBerger Seite 1

In der Erforschung der betreffenden Familie Berger in Sachsen war mir bis dahin keine Auswanderung von Familienmitgliedern begegnet. Ich freute mich über diesen Forschungsansatz und wusste, dass mein Kunde über eine historische Verbindung nach Amerika mindestens genau so erfreut sein würde.

Da mir die Kirchenbücher als historische Quelle zu einer Auswanderung nicht mehr verraten würden, suchte ich nach weiteren Informationsquellen.

Die Ausgangsinformationen

Hedwig Selma wurde am 17. Februar 1875 in Höckendorf bei Dippoldiswalde geboren. Sie war das sechste Kind Karl Gottlieb Bergers und Emilie Alwine Berger (geborene Lohse, verwitwete Ihle). Es war die zweite Ehe der Mutter. Die Mutter Alwine starb im Jahre 1881 mit 37 Jahren bei der Geburt ihres 12. Kindes. Sie hinterließ neben ihrem Ehemann 8 noch unmündige Kinder zwischen 0 und 16 Jahren. Der Vater Karl Gottlieb Berger heiratete 1894 ein zweites Mal (eine gebürtige Schwedin) und starb im Jahr 1903 mit 66 Jahren.

Ich konzentrierte meine weiteren Recherchen auf die Ansatzpunkte „Geburtsschein 1923“, „verwitwete Schiffel“ und „Bruder in Amerika“.

Als Selma ihre Reise plante waren ihre leiblichen Eltern bereits länger verstorben.

Quellen zur Auswanderung im Internet

Erster Anlaufpunkt für Online-Recherchen zu Auswanderungen ist bei mir die genealogische Internetplattform „Ancestry" Eine erste Recherche in der dort verfügbaren Sammlungen zu „Einwanderung und Auswanderungen“ ergab für den Namen "Hedwig Selma Schiffel" keine Ergebnisse. Ich suchte mit der verfügbaren Suchmaske auf der Plattform und filterte die relevanten Sammlungen heraus. Ich probierte dabei ebenso wahlweise mit den Familiennamen Berger und Schiffel sowie dem bekannten Geburtsjahr Selmas und dem möglichen Jahr der Ausreise, dabei stets mit den Möglichkeiten der unterschiedlichen Suchgenauigkeiten (Variationen). Leider ohne Erfolg.

Ich versuchte auch über die Namen der Brüder Selmas Aufzeichnungen zur Ausreise zu finden. Hierbei konnten eigentlich nur zwei leibliche Brüder in Frage kommen, bei denen aufgrund der bekannten Lebensdaten eine Auswanderung wahrscheinlich war. Doch auch zu diesen fanden sich in den digitalen Sammlungen keine weiterführenden Einträge.

Bei "Ancestry" hatte ich zusätzlich in folgenden Beständen erfolglos gesucht:

- Handschriftliche Indizes Hamburger Passagierliste, 1855-1934

- Einbürgerungslisten der USA

Über die Suchmaske hatte ich zwar verschiedene Einträge zu einem Ernst Berger sowie einer Selma Schiffel gefunden. Leider stimmten die Geburts- und Ausreisedaten nicht mit den gesuchten Personen überein.

In einem weiteren Schritt suchte ich in Passagierlisten-Datenbank der "Gesellschaft für Familienforschung - Die Maus“ auch in den verfügbaren Bremer Passagierlisten. Schließlich war eine Schifffahrt von Bremen nach Amerika eine der Möglichkeiten für die Überfahrt. Jedoch gab es für mich auch hier kein positives Ergebnis. Der Familienname Schiffel fand sich für das Jahr 1923 nicht verzeichnet.

Ich brach die Online-Recherche an dieser Stelle zunächst ab und beschloss im Archiv nach relevanten Beständen und Akten zu suchen. 

Quellen zur Auswanderung in sächsischen Archiven

Wer Reisen oder Auswandern will benötigt einen Reisepass und sollte die „Angelegenheiten“ am Heimatort geklärt haben. Dies war auch zu Selma Schiffels Zeiten so. 

Für die Ausstellung bzw. Beantragung von Reisedokumenten stellte die Kirchgemeinde einen Geburtsschein aus.  Mit dem Wissen aus dem Kirchenbuch, dass im Jahr 1923 für Hedwig Selma Schiffel eben so ein Dokument ausgestellt wurde, begab ich mich auf die Suche nach weiteren Verwaltungsdokumenten in sächsische Archiven.

Höckendorf gehörte damals zur Amtshauptmannschaft Dippoldiswalde, die – wie ich aus vergangenen Recherchen wusste - als staatliche Institution auch in den Angelegenheiten betreffend Staatsangehörigkeit, Auswanderungen oder Passwesen zuständig war. 

Die Akten der ehemaligen Amtshauptmannschaften befinden sich heute beim Sächsischen Staatsarchiv. Da Dippoldiswalde zum Bereich Dresden gehört(e) sind die Aktenbestände heute im Hauptstaatsarchiv in Dresden verwahrt.

Ich begab mich also nach entsprechender Vorbereitung ins Hauptstaatsarchiv und durchsuchte alle relevanten Bestände und Akten zum Thema Auswanderung und Dippoldiswalde. 

Neben den sehr interessanten allgemeinen Verordnungen zur Auswanderung aus Sachsen im 19. und 20. Jahrhundert, Akten zu geplanten Siedlungsgebieten in Amerika sowie Aufzeichnungen zu Auswanderungsagenturen und vereinzelten Schiffslisten fand ich für Höckendorf und Dippoldiswalde leider kaum Aufzeichnungen überliefert. Es scheinen für den gesuchten Ort keine Akten mit Personenbezug, keine Listen oder Verwaltungsdokumente mehr überliefert zu sein, die mir mehr über die Auswanderung aus der Region Dippoldiswalde um das Jahr 1923 hätten verraten können.

Damit war für den Recherchefall auch die Archivrecherche ohne Erfolg geblieben. Allerdings hatte ich einen Einblick in die zum Thema verfügbaren Aktenbestände erhalten. Das war für spätere Recherchen sehr nützlich.

Was lange währt wird endlich gut

Wenn Selma Schiffel nach Amerika gereist war, musste sie ja irgendwo angekommen sein? Mit diesem Gedanken setzte ich die zuvor abgebrochene Online-Recherche fort.

Einer der bekanntesten Ankunftsstationen für die Einwanderung nach Amerika war "Ellis Island". Immerhin sollen bis 1954 über "Ellis Island" 12 Millionen Menschen in die USA eingewandert sein.

Ich suchte also auf dem Suchportal der „Ellis Island Foundation, Inc.“ – nach Passagieren mit Namen Schiffel, die 1923 in New York (Ellis Island) registriert worden waren. 

Und tatsächlich ...

Ich fand eine „Schiffel, Syima“ mit Ankunftsjahr 1923. Als letzter Wohnort war „Freital, Germany“ angegeben. 

Dokument ohne Titel Seite 2

Mit Hilfe der gezeigten Kopie zur Passagierliste fand ich die Bestätigung. Die Reisende hieß natürlich Selma Schiffel. Scheinbar hatte die automatische Texterfassung den Namen aufgrund der schweren Lesbarkeit der Liste nicht richtig erkannt.

Selma Schiffel reiste im Alter von 48 Jahren mit dem Schiff „S.S. Yorck“ am 7. Dezember 1923 von Bremen ab. Am 19. Dezember 1923 legte das Schiff in New York an.

Dokument ohne Titel Seite 1

Von dort aus ging ihre Reise wohl weiter quer durch Nordamerika zur Westküste der Vereinigten Staaten nach Portland im US-Bundesstaat Oregon, dem Ziel ihrer Reise. Der Grund und die genauen Umstände für die Auswanderung nach Amerika sind bisher unklar.

Als Kontakt in den USA und auch als Sponsor der Reise fand ich in den Aufzeichnungen ihren Halbbruder Gustav Ihle aus Portland. Es war also kein leiblicher Bruder gewesen, den Selma in Amerika aufsuchen wollte, sondern ein Sohn der Mutter aus erster Ehe, der Halbbruder. Diesen hatte ich bei meinen Recherchen nicht mit einbezogen.

Der Bruder im fernen Amerika

Gustav Ihle war laut Einwanderungsdokumenten bereits 1891 in Baltimore/USA angekommen und hatte 1923 die US-Staatsbürgerschaft erhalten.

Er lebte als Schuhmacher gemeinsam mit seiner Frau Johanna (1876-1952) in Portland. Der Halbruder Selma Schiffels starb im Jahr 1956 und wurde in Portland auf dem River View Cemetery (Sec 108, Lot 305, Grave 1) beigesetzt, neben seiner Frau. Dies alles konnte ich mit Hilfe der Ein- und Auswanderungsunterlagen bei "Ancestry" herausfinden. Auf der Plattform „Find my grave“, die ebenfalls zu "Ancestry" gehört, fand ich sogar ein Foto einer Grabtafel.

Jenny Ihle


Was wurde aus Selma?

Selma Hedwig Schiffel, geb. Berger lebte vor ihrer Abreise nach Amerika scheinbar bei ihrer Schwester Bertha Schleinitz (geb. Berger) in Freital. Dort hatte sie vielleicht nach dem Tod ihres Mannes eine neue Bleibe gefunden. Die Adresse der Schwester ist als letzte Wohnadresse in den historischen Aufzeichnungen vermerkt. Nach Ankunft in Portland im Jahr 1923 fand Selma nachweislich als Dienstmädchen Unterkunft im Hotel Multnomah in Portland (Oregon, USA). Hierzu finden sich in den Adressverzeichnissen von Portland aus den Jahren 1925 und 1929 Einträge zu ihrem Wohnsitz und Beruf. 

Selma Schiffel maid Kopie

Der bisher letzte ermittelte Aufenthaltsort ist im Jahr 1931 ebenfalls Portland. Ihr weiterer Verbleib liegt im Dunkeln. Ob Selma Hedwig Schiffel, geb. Berger mit 56 Jahren in den USA noch einmal heiratete oder ob sie vielleicht nach Deutschland zurückkehrte, konnte bisher nicht ermittelt werden.

Möglichkeiten der weiteren Recherche

Im beschriebenen Fall sind noch längst nicht alle historischen Quellen ermittelt und ausgewertet worden. Der Heiratseintrag sowie der Sterbeeintrag des namentlich unbekannten Ehemanns „Schiffel“ Selmas könnte noch ergänzende Informationen liefern. Aus der Ehe scheinen zudem keine Kinder hervorgegangen zu sein. Hier könnte aber das betreffende Sterberegister Aufschluss über eventuelle Fehl- oder Totgeburten von Kindern des Paares geben. Die betreffenden Standesamtsunterlagen hierzu sind im Stadtarchiv Dippoldiswalde bzw. im Kreisarchiv Pirna verfügbar.

Leider war im beschriebenen Fall bisher nicht die Zeit gegeben für weitere Recherchen. Vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt ...

Die Geschichte der Selma Schiffel findet Eingang in einem Familiengeschichten-Buch der Familie Berger und Krause, was allerdings nur für private Zwecke gedruckt wird.

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1 Kommentar

  • Herzlichen Dank für diese ausführliche Beschreibung der Recherche. Ich habe im Großherzogtum Mecklenburg-Schwerin oder im Herzogtum Lauenburg auch öfter solche Nebeneintragungen. Meistens ging es um "getraut vor der Abreise nach America". Leider hat es dabei bisher noch nie "meine" Familie getroffen. Aber ich puzzle bis dahin weiter an meinen Koppetsch/Nicolaus Auswanderern :)

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